Facebook: Nutzerstatistik für Europa
Mittwoch, 26. Mai 2010, 20:07 Uhr | Autor: ich
In der aktuellen Internet World Business (Ausgabe 11/10) gibt es auf der ersten Seite eine kleine Statistik zur Nutzung von Facebook in Europa.
FACEBOOK-NUTZUNG
Deutschland liegt hintenVerglichen mit anderen europäischen Ländern ist Deutschland Facebook-Entwicklungsland.
Die IWB-Grafik zeigt die absoluten Nutzerzahlen. Hier meine Balkengrafik mit Zahlen von heute:

Es sieht so aus, als ob Schweden hinter Deutschland, bei der Nutzung von Facebook, liegen würde — dem ist aber nicht so.
Die Grundaussage der IWB, dass “Deutschland Facebook-Entwicklungsland” ist, ist nicht falsch, aber Deutschland steht dabei nicht auf Platz 6, sondern viel weiter hinten.
Ich mach dann mal wieder den Korinthenkacker. ;O)
Wenn in Schweden von 7,7 Mio. Onlinern 3,9 Mio. Facebook nutzen, sind dies immerhin 51%. In Deutschland gibt es hingegen nur 17,1% Facebook-User unter den Onlinern. An diesem Beispiel ist leicht erkennbar, dass ein einfacher Vergleich der absoluten Nutzerzahlen wenig hilfreich ist, um den Verbreitungsgrad in einem Land zu bewerten.
Wenn die Verbreitung von Facebook verglichen wird, dann muss berücksichtigt werden wie viele Menschen in einem Land das Internet nutzen. Und auf Grundlage dieser Onlinern erfolgt dann eine statistische Aufbereitung.
Einigermaßen verlässliche Zahlen, für das Jahr 2008, zu der Nutzung des Internets für Europa habe ich hier gefunden:
“Europe’s Digital Competitiveness Report – Main achievements of the i2010 strategy 2005-2009” (ec.europa.eu / PDF)
In dem Report der Europäischen Kommission werden natürlich nur die Staaten der EU berücksichtigt. Für die Schweiz habe ich diese Studie herangezogen, in der die neuesten Zahlen aus dem Jahr 2009 sind:
“Internetstudie NET-Metrix-Base” (net-metrix.ch / PDF)
In dieser Studie gibt es folgende Nutzer:
- WNK: Weitester Nutzerkreis / Nutzung des Internets innerhalb der letzten 6 Monate (81,4%)
- ENK: Engerer Nutzerkreis / Nutzung des Internets mehrmals pro Woche oder häufiger (73,2%)
- Heavy User: Nutzung des Internets täglich oder fast täglich (60,8%)
- Offliner: Keine Internetnutzung innerhalb der letzten 6 Monate (18,6%)
Da mir Nutzer die nur innerhalb der letzten 6 Monate online waren wenig aussagekräftig erscheinen, habe ich die Zahl des “Engerer(n) Nutzerkreis(es)” genommen. Die Studie zeigt die Entwicklung in der Schweiz, für die Jahre von 1999 bis 2009.
Für die Türkei fand ich folgende Quelle:
“Softwareabsatz in der Türkei steigt weiter an” (gtai.de)
Computernutzung in der Türkei (in %)
(…)
.Internetnutzung der 16 bis 74jährigen (…) 2009: 38,1

Wie man sieht ist Zypern der Spitzenreiter bei der Verbreitung von Facebook.
Hier meine Rechnung am Beispiel Zypern:
Es gibt auf Zypern 871.000 Einwohner.
Quelle: Liste der Staaten der Erde (de.wikipedia.org)
Im Report der Europäischen Kommission wird für 2008 unter
% pop. who are regular internet users (using the internet at least once a week)
35% aufgelistet.
871.000 * 35% = 304.850 Onliner
Von diesen 304.850 Onlinern sind 266.600 aktive Facebook-User.
266.600 / 304.850 = 87,5%
Interessant an diesen Zahlen finde ich die starken Unterschiede der Facebook-Akzeptanz. Ein Lette tickt eben anders als ein Zypriote, ein Deutscher anders als ein Isländer.
Achten die Deutschen eher auf Datenschutz und Privatsphäre als die Onliner der anderen 29 Staaten oder wo ist der Grund für die Zurückhaltung zu suchen?







Donnerstag, 27. Mai 2010, 9:50 Uhr
Hi Michl,
wie immer sehr interessante Analyse.
Bei einer Korinthenkackerei muss ich Dir allerdings widersprechen:
“An diesem Beispiel ist leicht erkennbar, dass ein einfacher Vergleich der absoluten Nutzerzahlen wenig hilfreich ist, um den Verbreitungsgrad in einem Land zu bewerten.” – Stimmt (imho) so nicht. Verbreitung = absolute Zahlen, das passt so schon und ist auch relevant (z.B. beim Verkauf von Werbeplätzen o.ä.).
Das was Du beschreibst allerdings ist nicht Verbreitung sondern “Durchdringung” – also die absolute Verbreitung in Relation zu einer mehr oder weniger differenzierten anderen Verbreitung.
Mathematisch: Durchdringungsgrad Facebook = Verbreitung Facebook / Verbreitung Internet.
Du hast es sogar noch eine Stufe weitergetrieben, indem du die Verbreitung Internet durch die Durchdringung Internet ersetzt hast, womit du das Ganze nochmal in Relation zur Bevölkerung gesetzt hast.
Interessant wäre, diese Verquickung zu lösen, um zu sehen, ob es einen Trend gibt: Sind Internet-Affine Länder Facebook-affin?
Facebook-Durchdringung: Anzahl Facebookuser / Anzahl Internetuser
Internet-Durchdringung: Anzahl Internetuser / Anzahl Menschen
++++++
Warum ist Zypern nun vorne?
Wäre bestimmt interessant, für die einzelnen Länder noch 3 Faktoren zu bestimmen:
1. Sowas wie einen Early-Adopter-Index bzw differenzierter eine Verortung der einzelnen Länder in Adoption-Zyklen. Beispiel: Als das Internet kam waren die Schweden ganz vorne dabei. Bei Handies ist es ähnlich. Durch diese massive Annahme von Neuem scheinen die Schweden aber nun irgendwie in einer Sättigungsphase zu sein. Die Letten hingegen sind noch etwas frischer und daher noch bereit, die Early Adopter zu spielen.
2. Die Fähigkeit/Bereitschaft, internationale Lösungen zu akzeptieren. Hat sicherlich streckenweise etwas mit Sprache zu tun. Hier sehe ich auch den Grund, dass Deutschland eher weit hinten liegt: Wenn man nun die VZe, WKW, Lokalisten, etc mit hinzuzählt wird es sicherlich anders aussehen. Ich unterstelle dem Deutschen hier mal einen gewissen (sprachlichen) Community-Patriotismus, wahrscheinlich gepaart mit einer durch Google geschürten diffusen Angst vor amerikanischen Beteibern. (Dass Google im Zweifel vertrauenswürdiger ist als diese VZ-Typen steht auf einem anderen Blatt). Die relative Durchdringung von Facebook kann hier auch möglicherweise mit der Verfügbarkeit von Alternativen zu tun haben. Die deutschen haben die o.g. Communities, sogar für Lebensphase und Bildungsstand maßgeschneidert. Ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass die Anzahl der attraktiven Zypern-VZ oder “Welcher Lette kennt Welche Lettin”-Anbieter eher gering ist.
3. Der schwächste – aber vielleicht trotdem interessante – Faktor wäre dann noch die kulturelle Neigung zum Austausch und die Kompatibilität des Anbieters. Ist der gesamte Web 2.0-Community-Ansatz generell oder Facebook speziell eher “undeutsch” und entspricht weniger unserer Art zu kommunizieren, zu planen, uns darzustellen? Ist der Handelsübliche Grieche eher mitteilungsbedürftigt, macht sich der Zypriote weniger Gedanken über Bilder im Netz, gibts auf Facebook.tr statt des “Gefällt mir”- einen “Was guckstu?”-Button ?
Holger
Donnerstag, 27. Mai 2010, 14:00 Uhr
Mit Marketing-Sprech kenne ich mich nicht so gut aus, ob es nun “Verbreitung” oder “Durchdringung” genannt wird.
Mein Geschreibsel muss dir ja wirklich gefallen haben, dass du dir so viel Mühe gegeben hast. :O)
Für die Unterschiede könnte auch die Altersstruktur eines Landes mitverantwortlich sein. Bei meiner kurzen Recherche habe ich auch nach den bekannten Alterspyramiden gesucht, aber leider immer nur die für Deutschland gefunden und eine für Mexiko. :O)
Wenn Facebook den Datenschutz und die Privatsphäre der User nicht mit Füßen treten würde, dann könnte man sie, für das Marketing, glatt vorbehaltlos empfehlen. Wirklich private Infos, die ich nur meinen echten Freunden gebe, würde ich niemals über deren Seite weitergeben. Für eine rein geschäftliche Nutzung könnte Facebook aber eine sehr gute Alternative/Ergänzung zu Googles AdWords sein.
Samstag, 29. Mai 2010, 17:59 Uhr
Hallo,
Es ist ein beliebter Fehler, dass Vergleiche mit absoluten (Nutzer-)Zahlen ausgewiesen werden, obschon sich diese eben nicht gleichsetzen lassen. Ich mag es, wie Du die bestehende Meldung skeptisch betrachtet und “berichtigt” hast
Bye, Marc
Samstag, 29. Mai 2010, 20:21 Uhr
Im Zusammenhang mit Facebook fand ich die Meldung von Sophos sehr lustig:
“60% of Facebook users consider quitting over privacy” (sophos.com)
Die werten die Antworten von 1588 Leuten aus und wollen damit auf die Befindlichkeit von 400 Mio. Facebook-Usern schließen. Das wäre so, als ob die Meinung von 326 Deutschen auf die gesamte Bevölkerung übertragbar wäre.