Wikileaks veröffentlicht Video und deckt Lüge der US-Militärs auf

Dienstag, 6. April 2010, 3:34 Uhr |  Autor:

Wikileaks veröffentlicht US-Militär-Video aus dem Irak” (netzpolitik.org)

Auf der Plattform “Collateral Murder” ist ein Video des US-Militärs vom einem Kampfeinsatz zu sehen, bei dem acht bewaffnete (vielleicht auch 14 – je nach Quellenlage) Menschen und zwei Reuters Journalisten im Irak erschossen worden sind.

http://www.collateralmurder.com/ (collateralmurder.com)

Das Video zeigt eine kleine Menge von Menschen, die auf einer Straße gehen und miteinander sprechen. Die Aufnahmen wurden von einem Hubschrauber aus gemacht. Der Platz des Geschehens wird von dem Hubschrauber in sicherere Entfernung umkreist. Offensichtlich bemerken die Männer nicht dass sie gefilmt werden. Aus meiner Sicht ist nicht erkennbar was auf der Straße bedrohlich sein soll, es ist nichts zu sehen was irgendwie nach einem Angriff auf US-Soldaten aussieht. Ohne ersichtlichen Grund wird diese kleine Menschenmenge von dem Hubschrauber aus beschossen. Einer der beschossenen Männer läuft weg, stürzt zu Boden und wird weiter beschossen, bis er sich auch nicht mehr rührt. Der Hubschrauber umkreist den Ort weiterhin. Einer der Beschossenen lebt noch und versucht sich in Sicherheit zu bringen, kann aber nicht einmal mehr kriechen, da er wohl zu schwer verletzt ist. Nach kurzer Zeit kommt ein kleiner Transporter mit mehreren Personen, die den Verletzten bergen wollen. Während zwei Männer versuchen den Verletzten in den Transporter zu tragen, werden auch sie und der Transporter beschossen. Das alles endet mit mehr als ein dutzend Toten und zwei verletzten Kindern.

Das Video passt aber irgendwie so gar nicht zu dieser Aussage:
2 Iraqi Journalists Killed as U.S. Forces Clash With Militias” (nytimes.com / 13.07.2007)

The American military said in a statement late Thursday that 11 people had been killed: nine insurgents and two civilians. According to the statement, American troops were conducting a raid when they were hit by small-arms fire and rocket-propelled grenades. The American troops called in reinforcements and attack helicopters. In the ensuing fight, the statement said, the two Reuters employees and nine insurgents were killed.

“There is no question that coalition forces were clearly engaged in combat operations against a hostile force,” said Lt. Col. Scott Bleichwehl, a spokesman for the multinational forces in Baghdad.



Erst im 53. Kommentar auf netzpolitik.org kommt mal jemand auf:

Aber was dieses Video zeigt ist doch, dass eben nicht aus reinem Selbstschutz geschossen wird sondern a) bevor überhaupt irgendeine reale Bedrohung erkennbar ist…



Journalisten Opfer eines US-Angriffs?” (fr-online.de)

Nicht nur wegen der Brutalität und offenbar tragischen Verwechslung könnte der Vorfall nun ein Nachspiel haben. Laut Pentagon hatten sich die Soldaten an jenem Morgen, als die Reuters-Journalisten starben, alle geltenden Regeln befolgt. “Wenn das wahr ist, ist etwas falsch mit den Regeln”, sagt Assange, “wenn nicht, haben sie etwas vertuscht.”

Also lautet die Regel von den Amis wohl:
Das Tragen von Waffen führt zur sofortigen Tötung des Trägers und aller Passanten, die sich in der Umgebung aufhalten.


Mir ist schon klar das solches “Friendly Fire” häufiger vorkommt, von daher ist der Tod der Zivilisten und der beiden Reuters-Journalisten nicht so einzigartig. In diesem Fall kommt allerdings erschwerend hinzu, dass das Vertuschen der offensichtlichen Fehlverhalten wohl von höchsten Stellen gedeckt wurde und — dass mit dem Video etwas massentaugliches für die Öffentlichkeit aufgetaucht ist.

Die “42 Tote bei Anschlag im Irak vor Wahlergebnis-Bekanntgabe” (de.reuters.com) haben, in Textform, kaum soviel Aufmerksam bekommen, wie das Wikileaks-Video bekommen wird.


Die deutsche Übersetzung des Funkverkehrs des Hubschraubers findet man auch auf “Collateral Murder”: http://www.collateralmurder.com/file/transcript-de.txt


Wer auf einen der YouTube-Links auf netzpolitik.org geklickt hat, der bekam folgenden Meldung angezeigt:

Damit du dieses Video oder diese Gruppe anzeigen kannst, musst du bestätigen, dass du mindestens 18 Jahre alt bist, indem du dich anmeldest oder ein Konto erstellst.

Wenn man die Videos per Embed-Code in eine Website einfügt, dann werden diese direkt ohne Sperre abgespielt. Man kann auch den Link direkt aus dem Embed-Code rauskopieren und aufrufen.

(Diese YouTube-18-Jahre-Sperre ist natürlich eh kein Schutz, denn ein YouTube-Account wird an jeden Besucher vergeben, unabhängig von seinem Alter.)


Die kommentierte 17-Minuten-Fassung:



Die unkommentierte 39-Minuten-Fassung:





In dem Video fällt auf, erst eine paar Sekunden nach den ersten Schüssen versuchen sich die beschossenen Männer in Sicherheit zu bringen, also muss der Hubschrauber relativ weit weg gewesen sein, da er sich ja auch nicht durch die Geräusche der Rotoren verriet. Dazu eine kleine Rechnung von mir, um mal zu schätzen wie weit denn der Hubschrauber entfernt war.

Ich habe mir für meine Rechnung das MP4-Video runtergeladen, welches man hier http://www.collateralmurder.com/file/CollateralMurder_full.mp4.torrent als Torrent laden kann.

Erster Schuss in Frame 8705 und erster Einschlag im Boden vor den Männern in Frame 8768.
Differenz: 63 Frames

Das Video läuft (laut Quicktime) mit 29,97 Frames pro Sekunde.

63 Frames : 29,97 Frames/Sekunde = 2,1 Sekunden

Der Hubschrauber war ein AH-64 Apache (en.wikipedia.org), der wohl mit einer Maschinenkanone vom Typ M230 Chain Gun (en.wikipedia.org) bewaffnet war. Diese Waffe hat eine Mündungsgeschwindigkeit von 805 Meter pro Sekunde.

805 Meter/Sekunde * 2,1 Sekunden = 1.690,5 Meter


Nun drehen wir das Szenario mal um.

Wenn Soldaten, vollkommen egal ob im Irak die Amerikaner oder die Deutschen in Afghanistan, aus einer Entfernung von 1,7 km beschossen würden und dies ohne Vorwarnung und ohne selber angegriffen oder provoziert geworden zu sein, so würden alle von “verabscheuungswürdig, feige und hinterhältig” sprechen, schreiben und senden.


Wann ist jemand ein Terrorist und wann ein Freiheitskämpfer?

Für uns im Westen ganz klar, wenn er auf Erdöl oder anderen Bodenschätzen sitzt, dann ist er, wie selbstverständlich, ein Terrorist. Naja, das führt jetzt wohl zu weit und zu weit weg vom ursprünglichen Thema. Aber irgendwie hängt ja alles mit allem zusammen.




Leider sehr passend und aktuell:
Nato-Eingeständnis in Afghanistan – US-Soldaten erschießen versehentlich schwangere Frauen” (spiegel.de)

Aus einem Haus treten zwei Männer, einer ist mit einer Kalaschnikow bewaffnet. Der örtliche Polizeichef und sein Bruder, sie wollen nach dem Rechten sehen. Die US-Soldaten feuern sofort und ohne Warnung – und töten beide Männer.

Auch hier wurde erst vertuscht und gelogen, bis ein Teil der Wahrheit ans Tageslicht kam.

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Thema: Politik

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3 Kommentare

  1. Was ich auch krass finde sind die Vollüberwachung von Wikileaks durch den US-Geheimdienst und deren Pläne, Wikileaks zu zerstören.

    Dabei zeigt dieses Video einfach nur Kriegs-Alltag. Da muß ich den Kommentaren bei netzpolitik zustimmen. Hab hier meterweise Kriegsliteratur im Regal stehen, die mich gelehrt hat: Es war/ist über alle Jahrhunderte und in allen Regionen immer dasselbe.

    Wie sollte es auch anders ein?

    Jeder kann sich da selbst eine ganz einfache Frage stellen:
    Würde ein Soldat, der Empathie praktiziert, seinen Job tun können?
    Nein, natürlich nicht! Die *müssen* so gebrainwasht werden damit sie überhaupt den Job machen können.

    Die Grausamkeit der Kommentare: Mal einem Sanitäter bei der Arbeit zugehört? Oder allein schon Entwickler, wie verächtlich die oft über “DAUs” reden. JEDER lästert im Zusammenhang mit seinem Job über die Menschen, die ihm am meisten zu schaffen machen. Und Soldaten sind weitaus krasseren Bedingungen ausgesetzt als die meisten Zivilisten, für die gilt das daher doppelt und dreifach.

    In diesem Fall waren das die Kinder die “gestört” haben. Wenn diese Soldaten sich tatsächlich eingestehen würden was sie da konkret angerichtet haben, würden sie schlichtweg implodieren… Menschen lügen schon wegen viel geringerer Sachen. Wenn man aber Menschen tötet ist der “Point of no return” nicht nur sofort überschritten, sondern man ist derartig weit über diesen Punkt hinauskatapultiert, das man gar keine andere Wahl hat als zu versuchen sein Gewissen zu entlasten. Es ist nicht so daß diese Soldaten kein Gewissen haben – sie haben es “nur” abgeschaltet, und zwar sehr brutal. Die Sicht auf die Dinge verändert sich radikal. Man kann sagen, aus schwarz wird weiss und aus weiss wird schwarz. Dieses Verbiegen ist dem menschlichen Geist möglich, führt aber auch zu heftigen psychischen Schäden, darüber gibts ebenfalls massenweise Literatur.

    Wenn man also die ganze Sache zu Ende denkt, heißt das, es bleibt nur eine logische Konsequenz: Militarismus abschaffen.

    Doch das wird nie geschehen. Die Menschen sind ja schon als Zivilisten in Friedenszeiten unendlich grausam zueinander und zu allen anderen Lebewesen. Im Krieg natürlich fallen alle restlichen Schranken die vielleicht vorher noch da waren. Im Grunde WOLLEN die Menschen das. Da bin ich mir sicher. Die meisten zumindest. Jeder will derjenige sein, der die Waffe in der Hand hält, und nicht derjenige, auf den sie gerichtet ist… das liegt in der menschlichen Natur. Ausnahmen bestätigen diese Regel nur. Es wird sich nie ändern.

    Hin und wieder werden die Menschen aufgeschreckt, dann geht alles weiter wie gehabt.

    Dieses Video wird für die Amis keinerlei Konsequenzen haben. Höchstens wird es dazu führen, daß die interne Überwachung noch krasser wird, so daß kein Soldat mehr auch nur eine Sekunde dazu kommt einen eigenen Gedanken zu fassen oder irgendwas zu tun das der eigenen Persönlichkeit entspricht (und nicht der Militär-Doktrin).
    Trotzdem wird es die Whistleblower natürlich auch immer geben… die Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Früher sind die auf dem Scheiterhaufen gelandet. Heute haben sie irgendwelche “Unfälle”. Ich muß sagen, mir wären da die Scheiterhaufen lieber, denn die sind wenigstens ehrlich.

    Noch was von Korinthenkacker zu Korinthenkacker : “friendly fire” war das nicht, das wäre es nur wenn die eigenen Leute getroffen worden wären.

  2. Wenn Soldaten wie normale Menschen denken und handeln würden, dann würde Krieg nicht funktionieren. Ok, die Reuters-Journalisten waren wohl eher keine Freunde, die hätten wahrscheinlich kritisch berichtet.

    Sehr interessant finde ich die Nachrichten der “Qualitätsmedien” zu dem Fall, bzw. eher das Fehlen dieser. Bei der Frankfurter Rundschau und dem Handelsblatt ist wohl die, nicht gebriefte, Urlaubsvertretung für die Veröffentlichung verantwortlich, oder der CIA-Verbindungsmann hatte alle Hände voll zutun, um die anderen Medien in Schach zu halten und hat die beiden vergessen.

    Wieder einmal eine Bestätigung dafür, dass meine Vorbehalte gegenüber den etablierten Medien nicht unbegründet sind.

  3. spiegel online hats jetzt auch, und zwar gepfeffert: “Es zeigt, wie zwei Kampfhubschrauber 2007 im Irak eine Gruppe von Zivilisten angreifen und töten – ohne sichtbare Provokation. Während der Attacke machten die Piloten zynische Witze über ihre Opfer. (…) Jetzt kann die Welt sehen, dass die Amerikaner gelogen haben.”

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,687427,00.html