Viele Besucher bedeuten nicht nur attraktive Zahlen für Werbekunden
Montag, 22. März 2010, 17:55 Uhr | Autor: ich
Wenn ich in einer Website eine Sicherheitslücke sehe, dann bekommt der Betreiber eine E-Mail von mir, in der ich ihm, mit einem Proof of Concept, versuche die Lücke zu demonstrieren. In dieser E-Mail findet er dann auch einen Link zu Wikipedia, damit er weiterführende Links zum Verständnis und zur Lösung des Problems hat. Meine E-Mail endet immer mit der Aufforderung die gesamte Website nach ähnlichen Lücken zu überprüfen. Wird die Lücke nicht geschlossen, so versende ich nach einigen Monaten wieder einen Hinweis, usw. usw.
Ich habe vor ein paar Tagen einen XSS-Link im Internet verbreitet, in der Hoffnung das der Betreiber endlich (erster Hinweis vor 18 Monaten) aufwacht und die Lücke schließt.
Eine Stunde nach meiner Veröffentlichung klingelt bei mir das Telefon. Wie ich die Nummer im Display sehe da ahne ich schon wer es sein könnte. Nachdem ich mich gemeldet habe sagte da jemand “Hier ist xyz von 12345.” Sorry, aber da konnte ich mir das Lachen nicht verkneifen, was wohl bei ihm nicht so gut ankam. Naja, ich bin auch nur ein Mensch und manche Gefühlsäußerungen kann auch ich nicht unterdrücken. Er war etwas aufgeregt und forderte mich auf den Link (reflektives XSS) innerhalb von 2 Minuten zu entfernen. Das erste Gespräch war recht kurz. Den Link habe ich entfernt, da ich ja meine eigentliche Intention erreicht hatte — der Betreiber war aufgewacht, zwar etwas unsanft, aber er war hellwach.
Nach ein paar Minuten rief er dann wieder an, diesmal deutlich ruhiger, da man an der Website daran arbeitete die Lücke zu schließen, womit mein Link nichts interessantes mehr zeigte. Diesmal konnte ich ein paar Worte mit ihm wechseln. Leider weiß ich nicht ob er in der Technikabteilung arbeitet und die technischen Hintergründe der Lücke versteht oder ob er nur das Resultat gesehen hat und einen Hacker mit bösen Absichten vermutete.
Man war wohl in dem Unternehmen gar nicht amüsiert über meinen Link, was ich mit der Aufforderung beantwortete, dass man Hinweise zu Lücken doch bitte ernster nehmen sollte und entsprechend handelt. Seine Erwiderung darauf war:
Es geht Sie überhaupt nichts an, was wir auf unseren Seiten tun oder nicht. (…) Sie haben kein Recht über uns zu richten.
Leider muss ich da widersprechen. Wenn mir Schadsoftware untergeschoben wird, weil jemand unwillens ist Sicherheitslücken zu schließen, von denen er Kenntnis hat, dann geht mich dies sehr wohl etwas an. Wer eine Website betreibt die Millionen von Visits pro Monat hat (laut IVW zweistellig), kann für sich nicht in Anspruch nehmen, eher im privaten Kämmerlein zu wurschteln. Wer eine so große Anzahl von Besuchern hat, also potenzielle Opfer von Cyberkriminellen, der hat auch eine entsprechend große Verantwortung dem Seitenbesucher gegenüber.
Ein wirkliches Gespräch war leider nicht möglich, da er mir auch mit
Können Sie sich das leisten? Da werden Sie 30 Jahre Freude dran haben.
drohte, so nach dem Motto: “Wir verklagen sie bis ans Ende ihrer Tage.” Er war noch etwas aufgeregt und dachte nur daran Stärke zu demonstrieren. Er demonstrierte und ich habe mein Ziel erreicht — die Lücke wurde geschlossen.
Dies ist ein schönes Beispiel dafür, wie Cross-Site Scripting noch immer unterschätzt wird und erst gehandelt wird, wenn die ersten Opfer zu beklagen sind. Der Seitenbetreiber fühlte sich in diesem Fall als Opfer, ist aber, wenn man es genau betrachtet, eher der Handlager von Cyberkriminellen gewesen und ob des Wissens um die Lücken als Mittäter einzustufen.
Wer die Türen zu seinem Waffenschrank, trotz mahnenden Hinweisen, offen lässt, der würde bei einem verübten Verbrechen mit seinen Waffen wohl auch auf der Anklagebank landen.
Ich weiß es nicht mit Bestimmtheit, aber ich nehme an meine Hinweise wurden von der Technikabteilung als ungefährlich eingestuft. Das meine Hinweise angekommen waren hatte der Anrufer bestätigt. Leider denken viele bei XSS nur an Verunstaltungen, bei denen sofort zu erkennen ist, dass die Website eine entsprechende Lücke aufweist. Mein Link zeigte auch ein Fake, allerdings im richtigen Kontext zu der Website. Eher schlicht gestrickte Geister konnten annehmen dass es echt war, wahrscheinlich aber nur aufgrund der Reputation der Website selber — womit wir wieder bei der Verantwortung des Seitenbetreibers sind.
Da die Lücke innerhalb einer halben Stunde geschlossen werden konnte, kann es nicht an den Kosten oder technischen Problemen gelegen haben, dass über Monate nichts unternommen wurde, es war wohl einfach nur grenzenlose Dummheit und verantwortungsloses Desinteresse der IT-Verantwortlichen.
Diesmal habe ich etwas übertrieben, das gebe ich gerne zu, aber wie oft hätte ich denn noch auf die Lücken hinweisen sollen?
Millionen von Besuchern auf einer Website bedeuten nicht nur attraktive Zahlen für Werbekunden, sie bedeuten auch attraktive Zahlen für Cyberkriminelle. Stark frequentierte Seiten ziehen vermehrt Cyberkriminellen an und dem muss jedes Unternehmen Rechnung tragen. Die Behebung von Sicherheitslücken wird bisher oft nur als Kostenfaktor gesehen, wobei Reputationsverlust, der wirtschaftliche Schaden für sich selber und andere gerne ausser Acht gelassen werden, und nicht zu vergessen der Schaden der dem Besucher selber droht — ich erwähne nur den Passwort-Manager des Firefox.
Thema: Sicherheit, so Leute, XSS | 3 Kommentare






